SCHIESS-TECHNIK Teil 8

Äußerer Anschlag stehend / Oberkörper, Teil 2

Der Oberkörper stellt beim Einsetzen die Verbindungen zur Waffe her. Am Hüftknochen setzt der Ellbogen an, Brustbein und Schulter stützen die Schaftkappe. Darüber hinaus steuert der Rumpf den Weg ins Ziel, eine bisher unterschätze Funktion.

Die Herausforderung besteht darin, den Oberkörper jeweils so auszurichten, daß die Büchse am Ende der Vorbereitung millimeter genau im Ziel steht. Niemandem wird es gelingen, den Körper beim ersten Anlauf quasi blind ins Zentrum zu navigieren. Deshalb sind feine Nachkorrekturen nötig, in denen die Abweichungen in kleiner werdenden Schritten reduziert werden. Gute Schützen federn dazu den Ellbogen an der Hüfte mehrmals nach und entspannen danach wieder, bis das Korn ohne Kraft im Ziel ist.

Das eigentlich ‘statische’ Gewehrschießen erweist sich bei näherem Hinsehen immer wieder als Bewegungsdisziplin. So besteht eine kaum sichtbare Aufgabe des Oberkörpers darin, das Gewehr behutsam ins Ziel zu führen. Das geschieht nach unseren Erfahrungen am besten von oben und kann mit Hilfe etwa eines SCATT’s effektiv trainiert werden.

Einsetzen und Nachsetzen

Das Einsetzen im Stehendanschlag beginnt mit der Anbringung der Schaftkappe an der Schulter. Die muß absolut am gleichen Platz sitzen. Viele Spitzenschützen belassen sie zwischen den Schüssen am Oberarmgelenk, zum Laden wird lediglich der rechte Arm bewegt. Eine Schaftkappe mit rutschfestem Belag und scharfen Konturen begünstigt diese Forderung.

Mit dem Ansetzen des rechten Ellbogens an der Hüfte erhält der Oberkörper seine eigentliche Position. Höhe und Seite dieses Ansatzens müssen millimetergenau stimmen, damit der Rumpf seine Rücklage und Drehung findet. Durch mehrmaliges Nachsetzen des Ellbogens wird die Passung des Ansatzpunktes bei Bedarf präzisiert. Nicht zufällig verzichten die “Weltschützen” der Jahre ‘98+’99, nämlich Sonja Pfeilschifter und Jozef Gönci inzwischen sogar darauf, den Ellbogen zwischen den Schüssen von der Hüfte zu lösen. Nur die rechte Hand langt noch vor, um die Waffe auf dem Stativ nachzuladen. Dieses Verharren in der Anschlagsposition über mehr als eine Stunde verlangt allerdings eine immense spezielle Kondition. Durchschnittsschützen fangen sich bei dieser Methode allenfalls einen Hexenschuß.

 

Innerer Anschlag und Feinkorrektur

Wenn der Ansatz des Ellbogens nach Gefühl paßt, wird der innere Anschlag ‘durchgecheckt’, bis Statik, Balance und Spannungen im Lot sind. Während dieser Kontrolle bleibt der Kopf noch über dem Diopter, so daß die Atmung ungehindert fließen kann. Es besteht noch kein Zeitdruck, denn in dieser Position kann man ohne Ermüdung bis zu einer Minute bleiben.

Erst wenn der innere Anschlag zufriedenstellen ist, erfolgt der Blick durch die Visierung. Meist sind noch feine Nachkorrekturen fällig, bevor das Auslösen eingeleitet werden kann. Probleme entstehen beim Stehendschießen immer dann, wenn die Mündung ins Zentrum ‘gedrückt’ wird. Dann wirkt der Oberkörper mit der Schießjacke wie eine Feder, die das Gewehr mit dem Auslösen zurück zum eigentlichen Haltepunkt schnellen läßt. Ein sicheres Indiz für richtiges Einrichten ist die ruhige Lage im Zentrum und eine reflexfreie Reaktion der Mündung während des Schusses. Beim Nachzielen sollte die Visierung exakt zum Mittelpunkt zurück kehren.

 

Der Weg ins Ziel

Zielwegdarstellungen wie das SCATT erlauben es, die Methoden zu vergleichen, mit denen verschiedene Schütze die letzten Zentimeter zum Zentrum zurücklegen.

In umfangreichen Vergleichen mit Sportlern der höheren Leistungsklassen haben wir ermittelt, daß ein Absenken von oben die wohl günstigste Methode ist. Mit einem leichten Ausatmen zieht sich der Brustkorb zusammen, das Gewehr schwebt weich ins Zentrum. Je zügiger das Auslösen jetzt bewältigt werden kann, desto höher ist die Trefferquote. Es lohnt sich, die Linie der Waffe zur Mitte zu trainieren, denn die Zielweganalysen belegen, daß eine konstante ‘Absenkschneise’ fast ebenso wichtige für die Ringausbeute ist, wie etwa das Haltevermögen. Diese Absenkung ist nichts anderes, als eine feine Bewegung des Oberkörpers, die von der Muskulatur begleitet wird, vor allem aber durch das Ausströmen der Atemluft gesteuert wird.

Für das gezielte Training der Senkung ins Ziel lohnt es sich unbedingt, ein computergesteuertes Zielwegsystem zu nutzen, denn mit solcher Hilfestellung verkürzt sich der Lernprozess wesentlich. Fehler und Irrwege werden frühzeitig vermieden.

Text & Foto: Heinz Reinkemeier, Dipl. Psych.,Assistenz-Bundestrainer Gewehr und Landestrainer in Westfalen. Autor mehrerer Fachbücher und Videos sowie zahlreicher Fachartikel. Leitet Trainerausbildungen seit 1984.

Mehr Tipps und Informationen rund um das Thema >Schiesswissen< erfahren Sie in dem Buch >Wege des Gewehrs<. Erhältlich im Buchhandel. ISBN 3-00-001509-4

 

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