Das Anschütz 2002 Alu-Pressluftgewehr:
Bewärtes mit dickem Ende
System und Abzug
Ein halbes Jahr nach Feinwerkbau und einige Wochen später als Walther ergänzt Anschütz sein Angebot um einen Leichtmetallschaft, der unter das bekannte Pressluftsystem 2002 montiert wird. Dieser Antrieb bedarf keiner weiteren Referenzen, immerhin zählt er gemeinsam mit dem System von FWB zu den erfolgreichsten Luftdruck-Konstruktionen der Gegenwart. Mit dem 2002 hat Sonja Pfeilschifter die WM 98 und die EM 99 für sich entschieden. Jason Parker, USA, hat mit diesem System den gültigen Weltrekord bei den Herren aufgestellt.
Charakteristisch für das 2002 Pressluft sind tadellose Schußleistung, ein glasklarer Abzug, ausgezeichnete Verarbeitung und gute Handhabung. Beim Austrieb erzeugt die Anschütz zwar geringfügig höhere Energien als die Konkurrenz aus Oberndorf. Dieser deutlichere Kick wird von seinen Nutzern aber durchaus als zweckdienlich empfunden, weil er den Moment des Auslösens genauer fühlen läßt. Im Jargon heißt das ‘definierter Schußabgang’. Wir haben das selbe 2002 System aus dem Holzschaft und aus dem Alu-Rahmen geschossen und die Austriebscharakteristik mit dem Scatt-Analysesystem verglichen. Diese Stichprobe ergibt, daß die Bettung in Aluminium den gemessenen Anstieg der Mündung beim Austrieb um etwa 10-20% verringert, ohne die Empfindung für das ‘Zündmoment’ zu überdecken.
Vorderschaft und Griff
Die Konstruktion beruht weitgehend auf den Elementen, die vom KK- und vom LG-Holzschaft her bekannt sind. Als Ergänzung erscheint der Schichtholzblock am Vorderschaft, der vorgeschoben und mittels Unterlegscheiben in der Höhe verstellt werden kann. Eine seitliche Schwenkung, wie bei der Konkurrenz, wird nicht angeboten. Der Griff ist zweifellos gelungen. Insbesondere die vom KK übernommene Kante an der Vorderseite erlaubt den Fingern eine leichtere Orientierung, wenn die Hand bei jedem Schuß identisch angelegt werden soll. Die glatt lackierte Oberfläche bietet hervorragenden Halt, stressgefeuchtete Finger ‘kleben’ quasi an der versiegelten Außenhaut. Fischhaut Verschneidungen oder Punsierungen, mit der etwa Walther seine Gewehrgriffe aufraut, erreichen in der Praxis nicht die Kontaktsicherheit einer sorgfältig aufgetragenen Lackschicht.
Bewegen läßt sich das Griffstück einmal vor und zurück, damit kann der Abstand zum Auslöser und die Balance der Waffe sinnvoll variiert werden. Außerdem läßt sich der Griff seitlich schwenken, um den Finger exakt vor die Abzugszunge zu bringen. Zwei Griffgrößen bieten darüber hinaus hinreichende Möglichkeiten der Größenanpassung, wenngleich eine dritte Stufe sicherlich nicht übertrieben wäre. Vorbildlich sind Befestigung und Markierungen geregelt: der Griff sitzt bombenfest, Änderungen der Position lassen sich anhand der eingelassenen Skala gut erkennen und notieren. Diese Lösung ist dem praktisch nicht verstellbaren Feinwerkgriff klar überlegen. Die sicherere Befestigung wiegt die zusätzliche Drehbarkeit des Walther-Griffstücks um die Achse auf.
Aufzeichnung mit dem SCATT Solution Analysesystems
Das obere Bild zeigt einen Schuß aus dem Anschlag, das untere wurde aufgelegt ermittelt. Die grüne Kurve gibt die Bewegungen in den 8 Sekunden vor dem Auslösen wieder, die blaue Linie die letzte Sekunde. Der rote Ausschlag entspricht der Reaktion der Waffe im Schuß.
Die getesteten Waffen erreichen zwar noch nicht die Werbeversprechung ‘rückstoßfrei’. Immerhin hat sich die spürbare Reaktion der Pressluftgewehre dank Absorber und ähnlicher Elaborate inzwischen aber auf ein minimales Zucken reduziert. Anschütz, Walther und Feinwerk sind hier ebenbürtig.
Der Hinterschaft
Die Schaftbacke ist tadellos geformt und bietet mit der lackierten Oberfläche angenehmen Halt. Sie läßt sich in allen notwendigen Ebenen verstellen und damit der Kopfhaltung beliebig anpassen. Zwei Haltesäulen sorgen für ausreichende Befestigung, eine Rändelschraube gewährleistet Festigeit und Markierung der ermittelten Höhen-Position. Insgesamt die schon vom KK Schaft her gewohnte und gelungene Konzeption. Die Längenverstellung und eine mögliche Schrägstellung der Schaftkappe wird nach dem selben Prinzip vorgenommen, allerdings unterläuft Anschütz hier eine problematische Lösung.
So wird der Rahmen mit einer Diagonalstrebe weit nach unten zu einem Dreieck erweitert, um den Ausschubstangen Raum zu bieten. Dadurch reicht die Unterseite des Hinterschaftes weit herab, die harte, winkelige Metallkante gerät unweigerlich in Kontakt mit dem Brustkorb. Das führt bei vielen Schützinnen und Schützen zu einem unangenehmen Druck, der die Chancen der freien Anschlagsgestaltung deutlich einschränkt.
Das Bild oben verdeutlicht diese Problematik. Am Schaft von Britta wurde die Innenkante schon abgefeilt, um den Druck zu reduzieren. Der Walther-Schaft rechts zeigt deutlich mehr Freiraum und damit bessere Voraussetzungen für Anschläge, die das Gewehr nah zum Körper nehmen. In der Spitzenklasse geht der Trend deutlich zu solchen ‘steilen’ Positionen, bei denen Hüfte und Schulter annähernd parallel zur Schußrichtung gestellt werden.
Ein Blick auf den KK-Schaft zeigt, wie es aussehen könnte: der T-förmig abgeschlossene Hinterschaft endet deutlich höher und bietet trotzdem einen ebenso stabilen Ansatz für das Getriebe der Schaftkappe. Die Aussparungen im Hinterschaft der 2002 Alu dienen in erster Linie wohl optischen Erwägungen. Sie eignen sich nebenher, um zusätzliche Gewichte unter zu bringen, wie Britta das bei ihrem Schaft schon getan hat. Die oft kopflastigen Alu-Luftgewehre bedürfen am hinteren Ende meist massiver Beschwerungen, um die Balance auszutarieren.
Nach unseren Erfahrungen sollte sich der Schwerpunkt beim Stehendschießen etwa einen Zentimeter vor der Stützhand befinden, damit die Waffe im Anschlag leicht über die Mündung abkippt. Die Schaftkappe des Anschütz LG ’s bietet alle nötigen Verstellmöglichkeiten und ist damit auch für den Dreistellungskampf geeignet. Die Oberfläche im Mittelteil und am unteren Flügel ist allerdings relativ glatt und beugt einem Verrutschen in der Schulter damit nur bedingt vor.
Insgesamt
Der Alu-Schaft von Anschütz bietet mehr Anpassungsmöglichkeiten als Feinwerk. Insbesondere der verstellbare Griff in zwei Größen stellt einen klaren Vorteil dar. Im Vergleich zum Walther Rahmen stört der zu tief gezogene Hinterschaft, der konstruktiv unnötig ist und die Freiräume bei der Anschlagsgestaltung deutlich einschränkt. Das Design wirkt nicht zuletzt aufgrund dieses Endstücks klobiger als die Entwürfe von FWB und Walther.
Das dürfte den Fans des 2002 Pressluft Antriebs aber kaum verunsichern, zumal der Gesamteindruck fraglos überzeugt. Wer sich für die 2002 mit Aluschaft entschließt, dem garantiert Jochen Anschütz die Auslieferung noch im alten Jahrtausend.





