P 70 Alu und 300 Alutec:

zieht Walhter gleich?

Die Herren der Regeln

Im Juli ‘99 haben die Damen und Herren der ISSF Gewehr Kommission grünes Licht für die Aluminium-Schäfte von Feinwerkbau und Walther gegeben. Damit erfährt die zulässige Konstruktion von Luftgewehren 14 Monate vor der Olympiade eine wohl revolutionäre Liberalisierung. Gestattet sind in Zukunft frei verstellbare Griffe und Vorderschäfte, die Verstellmöglichkeiten dieser Elemente sowie der Schaftbacke- und -kappe erhält zusätzlichen Spielraum.

Die LG-Schützinnen und Schützen der Leistungsklassen werden sich überlegen, ob ein Wechsel auf die neue Generation notwendig ist, um Anschluß zu halten. Der Durchschnittsschütze, der ohnehin an einen Neukauf denkt, wird abwägen, ob einige Hunderter mehr für die High-Tec Schießeisen lohnen.

Wir beschreiben unsere Erfahrungen aus der ersten praktischen Begegnung mit diesen beiden Gewehren.

Die P70 Alu von Feinwerkbau

Nachdem schon die ersten drei Testwaffen aus Oberndorf im Frühjahr für Furore gesorgt haben, startet Feinwerkbau jetzt die Auslieferung. Die Gestaltung des Schaftes entspricht weitgehend dem Kleinkaliber von FWB und darf deshalb als erprobt gelten. Charakteristisch ist der Aufbau aus drei einzelnen gefrästen Alu Segmenten, die miteinander verschraubt sind. Die Verbindung zwischen Mittelteil und Hinterschaft erlaubt die Regulation des Abstandes zwischen Griff und Abzug um etwa einen Zentimeter. Die Verstellmöglichkeiten für Backe und Kappe sind in einem angefügten Stahlblock untergebracht. Backe und Kappe können damit vielfältig und bequem in fast jede beliebige Stellung gebracht werden. Die Unterkante des Verstellblocks befindet sich etwa auf Höhe der Sohle des Pistolengriffs. Damit liegt diese Linie ziemlich tief, denn gerade zwischen der Unterkante des Hinterschaftes und dem Brustkorb des Schützen entstehen anschlagsbedingt oft unerwünschte Kontakte. Die harte, winkelige Metallkontur drückt in solchen Fällen unerbittlich, bhilfe läßt sich nur mit der Eisenfeile schaffen. Die Konstrukteure wären gut beraten, hier mehr Abstand und weichere Formen zu probieren. Ebenfalls überdacht werden sollte die Verbindung zwischen Backe und Verstellblock. Die Zahnstange mit quadratischem Querschnitt fühlt sich “wackelig” an, wenn sie weit aus geschoben wird. Dem Trend folgend liefert FWB jetzt ebenfalls eine Aluminium-Schaftkappe, die allerdings klobig geraten ist und keine Verstellung des oberen Flügels erlaubt.

Der Griff weist gegenüber dem Holzschaft einige Formänderungen auf. Vor allem die diagonale obere Begrenzung ist gewöhnungsbedürftig, weil sie der Abzugshand eine Schräghaltung aufzwingt. Diese Eigenart ist fest vorgegeben, zumal das Griffstück keine der Variationen zuläßt, die bei den Konkurrenten mittlerweile Standard sind. Neu bei Luftgewehren ist der bewegliche Vorderschaft als Schichtholzelement, der sich bei der FWB um den Aluminiumrahmen drehen läßt. So kann die Position der Handauflage der Verkantung angepaßt werden. Ein Detail, das sich erheblich auf die Balance der Waffe auswirkt und deshalb sorgfältig einzustellen ist.

Unser Gesamteindruck

Der unbewegliche Griff und die relativ weit herab gezogene Unterkante des Hinterschaftes sind die eigentlichen Schwächen des FWB-Schaftes. Wie schon bei der Kleinkaliberschäftung bleiben diese Lösungen hinter den Konstruktionen der Konkurrenz zurück.
Untadelig reagiert das bewährte P 70 System im neuen Schaft. Es scheint, als würde der Pressluftantrieb aus dem Alu-Gehäuse noch etwas sauberer kommen, der Schuß fühlt sich klarer an und zeigt im SCATT-Bild ein noch einmal geringfügig reduziertes Sprungverhalten. Sicherlich ist dieses System gegenwärtig das Maß der Dinge und weiterhin ein wesentliches Argument für die P 70 Alu.

 

Das 300 Alutec

Walther stellte zur Deutschen Meisterschaft ‘99 ebenfalls einen Alu-Rahmen vor, der dem Sportgewehr weitgehend nachempfunden ist. Anders als in Oberndorf wird dieser Schaft aus einem gegossenen Stück gegossen, die Oberfläche ist in der Hausfarbe blau pulverbeschichtet. An diesen Alu-Rahmen werden Vorderschaft, Griff und Backe aus Schichtholz sowie eine MEC-Schaftkappe angesetzt. Diese Elemente sind sämtlich und vielfältig zu verstellen, so daß der Schütze seine Proportionen ohne Probleme finden wird. Besonders positiv ist die Beweglichkeit des Pistolengriffes zu bewerten, der sich vor- und zurück, seitlich und um die eigene Achse bewegt werden kann. Da außerdem noch drei verschiedene Griffgrößen lieferbar sind, ist hier das gegenwärtig wohl führende Konzept zur Anpassung verwirklicht. Zu Wünschen wäre allenfalls eine stabilere Befestigung mit doppelter Sicherung.
Gerade bei kleinen Schützen und solchen mit massivem Brustkorb erweist sich der höher gezogene Hinterschaft als Vorteil. Störende Kontakte zum Brustkorb werden durch den größeren Freiraum vermieden und erlauben es deshalb, das Gewehr näher an den Körper zu bringen.
Die Schäftung des Alutec’s ist gelungen, wenn gleich die Formung des Griffes und das Profil der Backe noch unausgewogen anmuten. Für die blaue Büchse aus Ulm spricht nicht zuletzt das Auge. Dieser Schaft ist aus einem Guß. Die eleganten Linien und die Mechanismen machen die Konstruktion insgesamt leicht und funktionell.

Über die Marktanteile wird allerdings auch das System dieser Luftbüchse entscheiden. Gleichzeitig mit dem Aluminiumschaft weist Walthers Top-LG eine Überarbeitung des Abzugs, eine Karbon-Ummantelung des Laufes und einen Absorber auf. Der überarbeitete Auslöser hinterläßt einen guten Eindruck. Er löst sauberer als sein Vorgänger und kann mit Druckpunkt und direkt exakt eingestellt werden. Auch die Schußentwicklung wurde nachhaltig gedämpft. Absorber und Karbonmantel verhelfen dem 300ter System zu einer deutlich harmonisierten Antriebscharakteristik.

 

Ein Vergleich der Alutec mit dem P 70 zeigt auf dem SCATT aus dem Anschlag einen etwa gleichen Sprung: ziemlich genau eine halbe Kaliberbreite (2-2,5 Millimeter) erheben sich beide beim Schuß aus der Ziellinie. Ein Wert, den nur austrainierte Athleten überhaupt noch wahrnehmen. Die Gewehre des hebelkomprimierten Zeitalters schlugen noch viermal stärker aus.

Dem ersten Eindruck nach hält das 300ter System also den Vergleich mit dem Marktführer aus. In jedem Fall verdient das Alutec die Aufmerksamkeit aller Luftgewehrschützen mit weiterreichenden Ambitionen. Ob Walther gleichgezogen hat oder die P 70 Alu gar in den Schatten stellt, wird sich auf den Meisterschaften des nächsten Jahres beweisen. Olympiasieger Artem Khadjibekov hat dazu beim World-Cup Finale in München das erste Zeichen gesetzt, als er mit dem Prototypen der Alutec nach kurzem Training den Vorkampf mit 595 für sich entschied. Geschlagen wurde er allerdings im Finale von Europameister Jozef Gönci: mit einer P 70 im konventionellen Holzschaft.

Anschütz, Steyr, Hämmerli

In diese Entscheidung wird sicherlich noch die Aluminiumschäftung von Anschütz einzubeziehen sein, die beim Bundesligaauftakt schon im Einsatz war. Auch Steyr und Hämmerli arbeiten fieberhaft an Neukonstruktionen. In jedem Fall wird der engagierte Luftgewehrschütze in den nächsten drei Monaten genügend Innovationen finden.

 

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